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Als Reaktion auf die Energiekrise - Solarenergie boomt wie nie zuvor

Wie die energetische Transformation mit dem russischen Angriffskrieg zusammenhängt.

Übersicht

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine lässt die Preise für Strom und Energie in die Höhe schnellen. Städte, Gemeinden und Kommunen sparen Energie ein. Bundeskanzler Olaf Scholz warnt vor einer Renaissance der fossilen Brennstoffe. Gleichzeitig erfahren alternative Energiequellen wie Photovoltaikanlagen einen Aufschwung - ganz im Zeichen der Nachhaltigkeit. 

Taxonomie-Verordnung: 

Die Taxonomie-Verordnung, oder auch Erleichterung nachhaltiger Investitionen genannt (beides keine amtlichen Bezeichnungen), beschreibt eine EU-Verordnung, die unter anderem Vorgaben für nachhaltige Investitionen definiert. Sie ist Teil des 2019 von Ursula von der Leyen vorgestellten “European Green Deal”. Ziel ist es, die Treibhausgase bis 2050 auf null zu reduzieren und Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen. Die Taxonomie-Verordnung wird unter anderem durch Finanzmarktteilnehmer wie z.B. Investmentfonds und private Investoren finanziert. Um das genannte Ziel in den nächsten 28 Jahren zu erreichen, seien laut Kommission jährliche Investitionen von 350 Milliarden Euro notwendig. 

Dekarbonisierung: 

Der Bundesverband Energiespeichersysteme e.V. (BVES) hat gemeinsam mit seinem Partner Deutscher Industrieverband Concentrated Solar Power (DCSP) konkrete Maßnahmenvorschläge für eine industrielle Wärme an die zuständigen Staatssekretäre im BMWK sowie an den Ausschuss für Wirtschaft und Energie im Bundestag übermittelt. Dr. Susanne König, Vorstandsmitglied von dem BVES & CFO Kraftblock GmbH schreibt dazu: “Ein hohes Maß an Technologieoffenheit ist gerade im Industriesektor mit sehr heterogenen Anforderungen essentiell, um eine klimaneutrale Energieversorgung praxisgerecht zu ermöglichen. Eine einseitige Fokussierung auf bestimmte Technologien ist nicht zielführend und bremst letztlich die Energiewende aus“.

Solarthermie kann einerseits durch thermische Speicher gesichert werden, andererseits liefert sie grünen Strom und grünen Wasserstoff.

Wissenswert: 

Dekarbonisierung meint die Abkehr von der Nutzung von kohlenstoffhaltigen Energieträgern. Durch die Nutzung fossiler Energieträger wie Kohle, Erdgas oder Öl entsteht Kohlenstoffdioxid (Co2), welches den Treibhauseffekt verstärkt. Die Dekarbonisierung ist eine Maßnahme des European Green Deals. Kohlenstoffhaltige Energieträger werden im Zuge dessen durch erneuerbare Energien substituiert. 

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Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung in Deutschland Juni 2021 bis Juni 2022 pro Monat | in % 

(Quelle: statista) 

Photovoltaikanlagen sind besonders in Deutschland wetterabhängig. Das Sommerwetter mit rekordverdächtigen Temperaturen hat am vergangenen Wochenende in der Spitze so viel Solarstrom eingespeist wie nie zuvor. Am Sonntag gegen 13 Uhr wurde Solarstrom mit einer Leistung von 40 Gigawatt ins öffentliche Stromnetz eingeleitet. Fast 80 Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms wurde zu diesem Zeitpunkt mit Hilfe von Solarenergie erzeugt. 

Dennoch trübt diese Bilanz: Im letzten Jahr wurden nur knapp 50 Prozent des gesamten Stromverbrauchs durch Photovoltaikanlagen abgedeckt. Zudem deckte Strom nur ein Sechstel der in Deutschland verbrauchten Primärenergie ab. Primärenergien setzen sich hauptsächlich aus fossilen Brennstoffen wie Mineralöl, Erdgas, Braunkohle und Steinkohle zusammen. Inwieweit Kernenergie nachhaltig ist, bleibt selbst auf politischer, supranationaler Ebene umstritten. 

Primärenergieverbrauch in Deutschland 2021 in % 

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(Quelle: statista) 

Experten erwarten, dass sich der Stromverbrauch in der Bundesrepublik weiter steigert, durch weiteren technologischen Ausbau, durch Elektroautos und Wärmepumpen. Viele Privatanleger und Unternehmen setzen zudem auf Photovoltaikanlagen, um unabhängig Energie produzieren zu können. 

Eine neue Studie bestätigt zudem, dass die Energiewende leichter und erfolgreicher gelingen kann als bisher gedacht: “Mittelfristig dürften die ehrgeizigen Ziele Deutschlands den Anteil der erneuerbaren Energien am Strommix sogar über das Maß hinaus steigern, das für die Erfüllung der Pariser Klimaziele bis 2035 erforderlich wäre", erklärt der Allianz-Trade-Chef für den deutschsprachigen Raum, Milo Bogaerts. Dafür müsse jedoch ein massiver Umbau in den Abläufen in zentralen BEreichen des Stromsystems stattfinden. “Die Planungs- und Genehmigungsverfahren für Erneuerbare-Energien-, Strom- und Wasserstoffnetze müssen konsequent vereinfacht und beschleunigt werden", sagte der Allianz-Energieexperte Markus Zimmer.

Anteil der Photovoltaik an der Bruttostromerzeugung in Deutschland in % 

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(Quelle: statista)

Sind Solarzellen umweltfreundlich? 

Zunächst  einmal muss festgestellt werden, dass es keine Stromerzeugungstechnik ohne Emissionen und Schadstoffen gibt. Während der Nutzung erzeugt Photovoltaik keine Emissionen und ist somit deutlich “grüner” und nachhaltiger als andere Energiequellen. Dennoch erzeugen die Solarzellen bei der Herstellung und Entsorgung Schadstoffe, welche nicht unbedenklich sind.  "Die Geschichte, die immer mal wieder durch die Gegend geistert, dass Photovoltaikanlagen sich niemals energetisch amortisieren, ist Quatsch", betont Matthias Futterlieb vom Umweltbundesamt (UBA). Solarzellen benötigen unter den wetter-klimatischen Konditionen in Deutschland etwa ein Jahr, bis so viel Energie erzeugt wird, wie bei der Herstellung nötig war. Laut UBA und dem Fraunhofer-Institut werden in Südeuropa knapp acht Monate benötigt. 

Laut Umweltbundesamt verbraucht eine Kilowattstunde Solarstrom einen Treibhauseffekt, der rund 40 Gramm Kohlendioxid entspricht. Eine Kilowattstunde Braunkohlestrom dagegen verursacht 1000 Gramm Co2 allein durch den Brennstoff. Das Fraunhofer ISE geht inzwischen sogar nur von 20 Gramm Co2 aus. 

Dennoch enthalten Solarzellen Schadstoffe, die nicht in die Umwelt gelangen sollten. Auch der Import von Solarmodulen in China ist nicht unbedenklich, allerdings werden für die Produktion keine knappen oder kritischen Rohstoffe verbraucht. 

Gas-Lieferstopp: 

Am 11. Juli wurde die Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 1 planmäßig für Wartungsarbeiten außer Betrieb genommen werden. Die Bundesregierung befürchtete, dass der russische Machthaber Wladimir Putin dies zum Anlass nehmen würde, um Gaslieferungen nach Deutschland weiter zu reduzieren. Schon zuvor hatte der russische Staatskonzern Gazprom seine Gaslieferungen auf 40 Prozent verringert. Andere Quellen sprechen sogar von 60 Prozent. Verantwortlich dafür seien die europäischen Sanktionen, die dazu geführt haben, dass eine wichtige Gasturbine nicht geliefert worden sei. 

Die Sorge um explodierende Energiepreise verschärft sich derzeit. Ungewiss ist, wie es in den nächsten Tagen weitergeht. Bisherige Einwände aus Russland sprechen nicht für eine normalisierte Wiederaufnahme der Gaszufuhr. Experten gehen von vier möglichen Szenarien aus, die am Donnerstag, den 21.07.2022 eintreten könnten: 

  • Szenario 1: Russlands Gasversorgung normalisiert sich

Obwohl der Kreml verkündet hat, seine Verpflichtungen in Bezug auf die Gaslieferungen in Zukunft weiter zu erfüllen, erscheint dieses Szenario äußerst unrealistisch. Auch wenn das russische Gas eine der Haupteinnahmequellen ist, würde eine Wiederaufnahme von Nord Stream 1 der Bundesrepublik erlauben, die Gasspeicher vor dem Winter wieder aufzufüllen. Außerdem könnte so, seitens der Westeuropäer, bei genügend Handlungsspielraum ein Gas-Embargo, ähnlich wie bei Kohle und Öl, verhängt werden. 

  • Szenario 2: Die Lieferungen werden aufgrund von Wartungsarbeiten weiter verzögert

Die Drosselung der Gaslieferung in jüngster Vergangenheit bestärken das zweite Szenario. Der russische Staatskonzern Gazprom hatte erklärt, dass die Ursache für die reduzierte Gaslieferung “höhere Gewalt” sei und dass eine wichtige Turbine von Siemens Energy nicht zurückgeliefert wurde. Eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministerium erklärte am Montag dazu: “Es handelt sich um eine Ersatzturbine. Dennoch tun wir alles, um diesen Vorwand zu nehmen”. Laut der russischen Zeitung “Kommersant” könnten die Wartungsarbeiten noch bis kommenden Sonntag andauern, sofern es keine Probleme mit der Logistik oder Zoll gebe. Die notwendige Turbine sei zudem von Kanada wegen Sanktionen zurückgehalten worden. 

  • Szenario 3: Ein Gaslieferstopp

Die politischen Entscheidungen Russlands waren in der Vergangenheit oftmals willkürlich und unberechenbar. Daher scheint es nicht unrealistisch, dass Putin vertragswidrig handeln und neue Bedingungen an eine Gaslieferung knüpfen könnte. Ein russischen Gas-Embargo würde die Industrie einstürzen und Deutschland in eine Rezession stürzen lassen. Dennoch spricht gegen dieses Szenario, dass Russland die Erträge aus den Gasexporten benötigt, um den Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren. Außerdem könnte ein Vertragsbruch andere Handelspartner wie China oder die Türkei abschrecken. 

  • Szenario 4: Reduzierte Gaslieferungen

So erscheint die bisherige Strategie des Kremls am realistischsten: Die Gaslieferungen würden wieder aufgenommen werden, um den russischen Staatshaushalt zu entlasten. Zudem könnte der Krieg in Osteuropa weiter finanziert werden. Gleichzeitig stellt das Gas eine “Energiewaffe” dar, die Putin für sich nutzt. Auf lange Sicht gesehen könnten andere Bündnis- und Handelspartner wie Ägypten oder Aserbaidschan für die Bundesrepublik interessant werden, um sich aus den russischen Fesseln der Abhängigkeit zu befreien. Dennoch müssen sich “Unternehmen und private Verbraucher [...] auf deutlich steigende Gaspreise einstellen”, so die Bundesnetzagentur in ihrem aktuellen Lagebericht.

Fazit

Solarenergie ist weiterhin auf dem Vormarsch. Sowohl die globale Klimaerwärmung als auch der Versuch, unabhängig von russischem Gas zu werden, treiben die Nachfrage nach Photovoltaikanlagen und den Verbrauch nach oben. Es wird sich zeigen inwieweit sich der “grüne Strom” gegen alternative Energiequellen wie Atomkraft durchsetzen wird. 

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