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Zins-Panik an den Börsen

Wie die Börsen auf ein erwartetes Ansteigen der Zinssätze reagiert und wie Experten die Möglichkeit einer neuen Rezession einschätzen.

Nachdem am Dienstagmorgen letzter Woche die Hoffnung wuchs, dass sich die Börsen wieder stabilisieren könnten, notierte der DAX bereits am Abend 0,6% im Minus und hat gegenüber seinem Allzeithoch im vergangenen November rund 18% eingebüßt. Noch schlechter steht es um den S&P 500, der rund 20% unter seinem Höchststand vom Jahresbeginn liegt. Grund dafür sind Spekulationen, dass die US-Notenbank FED die Zinsen stärker als erwartet anzieht. 

Ein Ende der fallenden Kurse, auch Bärenmarkt genannt, ist, laut einer Umfrage der Bank of America (WKN: 858388 ; ISIN: US0605051046) unter 300 internationalen Portfoliomanagern, nicht zu erwarten. Mit 5,6% ihrer Anlagen halten Investoren derzeit überdurchschnittlich viel Bargeld und 73% der Befragten gehen von einer Schwächung der Wirtschaft im folgenden Jahr aus. Die Portfoliomanager ziehen sich dennoch nicht von den Aktienmärkten zurück, was allerdings als Voraussetzung für ein Wachstum an den Börsen gilt. 

Mit einer Untergewichtung von 15% in Aktien hielten die Investoren, laut der Umfrage, weniger Aktien als die Benchmarks für ihre Häuser vorgaben. 2020, während des letzten großen Börsencrashs zu Beginn der Corona-Pandemie, hielten 27% der Investoren weniger Aktien als vorgesehen und während der Finanzkrise 2008 waren es sogar 47%. Laut Jon Baranko, Chefanlagestratege des Fondshauses Allspring Global Investors, sei derzeit die erste Phase eines Bärenmarktes zu erleben und mit weiteren Kursverlusten von bis zu 15% zu rechnen. 

Auch Andreas Köster, Leiter des Portfoliomanagements bei Union Investment, ist skeptisch. Aufgrund der hohen Unsicherheit für die Märkte, bedingt durch Inflation, Wachstum, Geldpolitik und Marktliquidität, sei ein Anstieg der Kurse derzeit nicht zu erwarten.

Der Volatilitätsindex Vix auf den S&P 500 spricht ebenfalls gegen eine Erholung an den Börsen. Der Vix misst die erwarteten Börsenschwankungen und steigt bei fallenden Aktienmärkten. Volatilitätsindizes gelten als „Angstbarometer“. Seit Jahresbeginn stieg der Vix von 17 auf 33%. Bisher lag der Vix bei Bärenmärkten aber über 40% und während des Corona-Crashs und 2008 sogar über 80%. Die Hauptangst ist derzeit eine neue Rezession, wie die Aussage eines Viertels der Investoren bestätigen. 

Auch Mark Haefele von UBS Global Wealth Managment sieht die Gefahr eines wirtschaftlichen Abschwungs in den kommenden sechs Monaten. Vor allem besteht die Sorge, dass Zinserhöhungen die Wirtschaft hemmen. Somit macht sich eine große Sorge vor der Zinssitzung der Fed am Mittwoch breit. Laut JP Morgan (WKN: 850628 ; ISIN: US46625H1005) sei damit zu rechnen, dass die US-Notenbank den Zins um bis zu einem Prozent steigern könnte, anstatt, wie zuvor angekündigt, bloß um 0,5%. 

Vor allem die Inflation setzt die Fed unter Druck. Mit 8,6% ist die Inflation in den USA so hoch wie seit 40 Jahren nicht mehr. Weltweit steigt die Inflation wegen Lieferengpässen und steigenden Rohstoffpreisen. Seit Jahresbeginn hat die Fed schon zweimal den Leitzins angehoben. Die erste Steigerung lag in einem Zinskorridor von null bis 0,25% und die zweite von 0,75 bis einem Prozent. 

Als Reaktion sind die Kurse der US-Staatsanleihen sämtlicher Laufzeiten um elf Prozent eingebrochen. Gleichzeitig stiegen die Renditen der Anleihen. Dabei stiegen die Renditen für kurzlaufende Anleihen deutlicher als die von Anleihen mit langer Laufzeit. Die Zinskurve ist damit sehr flach und die Renditen von langen und kurzen Laufzeiten unterscheiden sich kaum voneinander. Die Renditen zwei-, zehn- und dreißigjährige US-Staatsanleihen lagen am Dienstag bei etwa 3,4% eng beieinander. Fünfjährige Anleihen notierten bei einer Rendite von 3,5%. Noch zu Jahresbeginn lag die Rendite für zweijährige US-Staatsanleihen bei 0,7% und die zehnjährige bei 1,5%. Mittlerweile lassen zweijährige Anleihen den höchsten Stand seit 2007 messen und zehnjährige einen Rekord seit 2011.

Eine derart flache Zinsstruktur lässt darauf schließen, dass Investoren eine schwache Wirtschaftsentwicklung und ein Zurückrudern der Notenbank erwarten, da der Rückgang der Risikoaufschlages für Papiere mit langjähriger Laufzeit auf ein Absinken des Zinsniveaus schließen lässt. 

Dass Renditen von kurzlaufenden Papieren diejenigen von langlaufenden Papieren überholen, ist für gewöhnlich ein Vorzeichen für eine Rezession. Im Euro-Raum gehen Ökonomen, aufgrund der Abhängigkeit von russischen Rohstoffen, noch sicherer von einer baldigen Rezession aus, als in Amerika. Allerdings ist im Euro-Raum die Zinskurve noch steiler als in den USA. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe liegt mit 1,7% auf einem Höchststand seit acht Jahren und die zweijährige Bundesanleihe ist auf 1,2% Rendite gestiegen. 

Wie weit die Notenbanken gehen ist in Expertenkreisen umstritten. JP Morgan zeigt sich optimistisch, während die Allianz-Tochterfirma (Allianz-Aktie: WKN: 840400 ; ISIN: DE0008404005) Pimco davon ausgeht, dass die Fed, in der Absicht die Inflation zu bekämpfen, die Wirtschaft durch eine Überstraffung deutlich unter Druck setzen wird. 

Auch die US-Fondsgesellschaft Blackrock (WKN: 928193 ; ISIN: US09247X1019) benennt das Risiko der Überstraffung, geht aber davon aus, dass die EZB die höhere Inflation eher hinnimmt, als kurz nach dem Corona-Absturz eine neue Rezession zu riskieren. Blackrock-Kapitalanlagestratege Martin Lück meint, dass Firmenpleiten und Jobverluste infolge des Abwürgens des Post-Covid-Aufschwungs schlimmere soziale und politische Folgen hätte als eine höhere Inflation.

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